Podiumsdiskussion
„Art and creativity. Artists under pressure“
Wir laden ein zur Podiumsdiskussion, kurz nach dem Weltfrauentag, am 14. März 2026, um 17 Uhr im Ludwig Museum, Koblenz.
Kosten: 6 € zzgl. ermäßigter Museumseintritt.
Samstag, 14.03.2026, 17-19 Uhr. Ohne Voranmeldung.
In vielen Ländern stehen Kunst und Kreativität massiv unter Druck oder sind ganz verboten – besonders Frauen wird künstlerische Arbeit und öffentliche Sichtbarkeit verwehrt. Beispiele wie Syrien, Afghanistan und Iran zeigen, wie kulturelles Erbe zerstört, künstlerische Freiheit eingeschränkt und das Leben von Künstler*innen bedroht wird. Diese Fälle verdeutlichen jedoch nur einen Teil eines weit größeren, komplexen Ausmaßes an Gewalt, Unterdrückung und teils unsichtbarem Terror in autokratisch und diktatorisch regierten Staaten.
Wir möchten gemeinsam darüber nachdenken, was es für eine Gesellschaft bedeutet, wenn Kunst und Kreativität aus dem Alltag verdrängt oder sogar kriminalisiert werden. Dabei geht es um die tiefgreifenden Folgen eines solchen Ausschlusses – insbesondere um den Verlust kultureller Identität und die Frage, wie sich dieser überhaupt begreifen lässt. Zugleich richtet sich der Blick auf Künstler*innen, die trotz Repressionen Wege finden, ihrer Arbeit weiter nachzugehen, und auf die besonderen Ausdrucksformen ihrer „Sprache“, die jenseits konventioneller Kommunikationsmittel funktioniert und dennoch verstanden werden kann. In diesem Zusammenhang stehen auch Spannungsfelder zwischen autoritärer Macht und Feminismus sowie die Verantwortung freierer Länder, mehr Sichtbarkeit für unterdrückte und verfolgte Menschen zu schaffen.
Es diskutieren:
Parastou Forouhar (Deutsch-Iranische Künstlerin und Aktivistin),
Jaleh Tavassoli (Iranische Künstlerin, Aktivistin und Stipendiatin im Künstlerbahnhof Ebernburg) sowie
Dr. Schoole Mostafawy (Deutsch-Iranische Kunsthistorikerin und Leiterin des Referats Kunst- und Kulturgeschichte am Badischen Landesmuseum, Schwerpunkt „Global Art History“).
Moderation: Prof. Dr. Beate Reifenscheid, Direktorin, Ludwig Museum, Koblenz

Jaleh Tavassoli:
Ich werde euch diesen persönlichen Text vorlesen, denn ich sehe mich selbst als Künstlerin unter Druck, und ich glaube, dass wir den Druck nur überstehen können, wenn wir über diese unterschiedlichen und doch ähnlichen Erfahrungen sprechen.
Unsichtbar zu sein und unter Druck zu leben, ist etwas, das jede iranische Frau nur zu gut und aus nächster Nähe kennt – vom Moment ihrer Geburt an, auf den grundlegendsten Ebenen ihrer Existenz, wirken Kräfte, die darauf abzielen, ihren Geist und ihren Körper unter Kontrolle zu bringen. Wir leben unter einer Geschlechterapartheid, die das pure Böse ist, auf der Säule der Frauenfeindlichkeit aufgebaut und dem Leben selbst grundlegend entgegengesetzt – eine, die jedes Zeichen von Lebenskraft, Schönheit oder Freude zermalmt und auslöscht. Das ist etwas, womit der westliche Feminismus vielleicht nicht immer umzugehen wusste – jene Aspekte der gelebten weiblichen Erfahrung, der Beziehung zum weiblichen Körper, die gerade außerhalb seiner Reichweite bleiben.
Gleichzeitig ist Kunst die Art und Weise, wie ein Mensch Form findet und sich ausdrückt. Und wenn das von den frühesten Tagen des Lebens an unterdrückt wird, schlägt so etwas wie ein permanenter Kampf Wurzeln in dir. Wie du sprichst, wie du dich bewegst, wie du sitzt, wie du dich kleidest – all das wird kontrolliert. Als Frau, als neurodivergente Person und als Künstlerin musst du jeden einzelnen Tag neu entdecken, wer du bist und wer du sein willst – und dies durch Ausdruck am Leben erhalten –, denn es kann dir jeden Moment genommen werden.
Als ich vor zweieinhalb Monaten in Deutschland ankam, hatte ich gerade eine Zeit hinter mir, in der ich mich erstickt fühlte. Seit einigen Jahren war es mir nicht mehr möglich, richtig zu arbeiten – es gab ständig Hindernisse, die alle denselben Ursprung hatten: die Islamische Republik. Ich war vorgeladen, verhört, mit Geldstrafen belegt und bedroht worden – wegen meiner Arbeit, weil ich eine Frau bin, die Widerstand leistet, weil ich Bilder male und Texte schreibe, in deren Mittelpunkt der weibliche Körper, seine Erfahrungen und seine Handlungsfähigkeit stehen. Und die Folgen einer körperlichen Verletzung, die ich mir 2022 während der „Frau, Leben, Freiheit“-Revolution zugezogen hatte, waren in meinem Körper noch immer spürbar.
Zwei Jahre lang konnte ich nicht so Kunst schaffen, wie ich es gebraucht hätte – und das in einer Zeit, in der ich Ereignisse von enormer Bedeutung durchlebte, sowohl persönlich als auch kollektiv. Mein Verständnis von Kunst hatte sich grundlegend gewandelt. Mein Wunsch, Kunst zu schaffen, war stärker denn je. Und doch konnte ich in der Praxis nicht arbeiten.
Ich arbeitete zuletzt an einem Projekt über den Kampf der iranischen Frauen, das im Iran nicht realisiert werden konnte, also versuchte ich, das Land zu verlassen, und kam hierher. Als ich in Deutschland ankam, dachte ich: Jetzt habe ich den Raum und eine andere Atmosphäre, um das Projekt frei voranzubringen. Aber wenn man Iranerin ist, ist alles unvorhersehbar.
Es kam anders. Wenige Tage nach meiner Ankunft setzte eine neue Protestwelle ein, und das terroristische Regime, das meine Heimat besetzt hielt, sperrte das Internet und alle Kommunikationswege und massakrierte in einem Ausmaß unglaublicher Gewalt innerhalb von nur zwei Tagen Zehntausende Menschen – es entführte Verwundete aus Krankenhäusern, richtete sie hin, vergewaltigte junge Mädchen in Haft und tötete Gefangene unter Folter. Und wie immer schwieg die Welt.
In jenen Tagen wurde mir klar, dass nichts mehr das bedeutete, was es zuvor bedeutet hatte. Die Verbindung zwischen Sprache und Bedeutung war zerbrochen. Alles, was ich verstanden hatte, war zusammengebrochen. Ich befand mich in einer erschreckenden Leere – und doch spürte ich in dieser Leere Millionen dünner Fäden, die in mich hineinreichten, Fäden, die zu jedem Iraner führten, verbunden mit einer enormen Quelle des Leidens und der Hoffnung und mit einem unermesslichen, unaufhaltsamen Lebenswillen. Diese Fäden waren alle schwarz geworden. Sie trugen etwas Dichtes und Schweres – wie Teer – in meinen Magen, meine Lungen, mein Herz, mein Blut, meine Seele.
Aus der Ferne war ich körperlich an den Schmerz meiner Heimat gefesselt und suchte nach Bedeutungen, die verloren gegangen waren, ohne eine einzige vertraute Hand, die diesen Schrecken mit mir teilte und nach der ich greifen konnte. Ich bin dankbar für die wenigen deutschen Freunde, die den Weg zu mir gefunden haben – ich weiß nicht, welche Form diese Einsamkeit ohne ihre Unterstützung und Freundlichkeit angenommen hätte. Doch in dieser fast völligen Einsamkeit fand ich schließlich meinen Ausdrucksweg, ich begann zu malen – fast ununterbrochen –, bis der Krieg begann. Der Krieg mit all seinen schrecklichen und dunklen Wahrheiten, der zweifellos das hässlichste Gesicht des Menschen ist.
Vor all dem dachte ich, der Druck, unter dem ich lebte, sei Teil des Lebens im Iran, und draußen würde es einfacher sein. Doch der Druck dieser Zeit war von ganz anderer Art. Intensiver. Und zersetzender. Die Wahrheit wurde irgendwo in der Ferne von mir abgeschlachtet, und ich musste meine Verbindung zu ihr aufrechterhalten, während mein Körper in einer Art Wahrnehmungskoma gefangen war. Das ist das Schwierigste, was ich je getan habe.
Abschließend möchte ich den Weg des Kampfes der iranischen Frauen mit einer Pflanze vergleichen, die in einer feindlichen Umgebung wächst. Für beide bedeutet Bewegung Wachstum, und Wachstum ist unaufhaltsam – es ist der eigentliche Sinn des Lebens. Wurzeln schlängeln sich entweder um Steine herum oder bahnen sich ihren Weg durch sie hindurch, und das Wachstum geht weiter. Körper nehmen Raum ein. Blätter strecken sich nach außen. Wir iranischen Frauen stehen seit Jahrhunderten auf den Schultern der anderen, erheben uns aus den dunkelsten und tiefsten Schichten der Frauenfeindlichkeit und bauen einen riesigen Baum des Bewusstseins und der Schwesternschaft, der die schwersten Steine gespalten und zerbrochen hat. Das ist es, was den Druck erträglich macht.
Und es ist diese Wahrheit – in einer so turbulenten und chaotischen Zeit wie dieser –, die mein Verständnis von Kunst verändert hat: weg von etwas gänzlich Persönlichem, hin zu etwas Persönlichem im Zusammenhang mit kollektiver Erfahrung und tiefer menschlicher Verbundenheit.
Jaleh Tavassoli
